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Text / Kurzgeschichten
 


Maria

"Hast du den Eimer ausgespült Maria?", fragte die dickbebrillte Verkäuferin hinter der Kantinentheke.
Ihre Augen schienen irgendwie verwischt, so das ich mir unweigerlich die meinen rieb. Sie meinte den Eimer in dem Maria, eine kleine dicke Frau, das Leergut wiederbrachte.
"Ja", sagte sie, "Eima gutt".
"Den Eimer, hast du den saubergemacht?", wiederholte die Verkäuferin.
"Eima hia", sagte Maria, "kuck, Eima gutt, muss!", hängte sie aus unerfindlichen Gründen noch hintenan.
"Muss !", sagte sie und lachte mich frech an.
 
 
 
Postulat in Sachen Wind

Ich lernte Claudia kenne, als ich Student war und mich mehr oder minder damit beschäftigte, mein Handeln abhängig vom Ergebnis langer Formeln zu machen. Sie war gerade fünf geworden.
Da sagte sie eines Tages, ganz beiläufig:
"Die Bäume machen den Wind!"
Sie saß auf der Schaukel und ich schob sie von hinten an. Manchmal jauchzte sie dabei.
Wie sie denn darauf komme, fragte ich sie.
"Aber das ist doch logisch, deshalb bewegen die sich doch!"
Dann schwang sie wieder ihre Beine in die Luft, schaukelte weiter was das Zeug hielt und ließ mich vollkommen im Dunkeln. Ich schob sie brav weiter an und war still.
Sie jauchzte.
Und je mehr ich den Bäumen seit dieser Zeit zuschaue, wie sie sich dehnen und wiegen, wie jede Bewegung eine Qual für sie zu sein scheint und sie mit jedem Ast knarren, dann glaube ich, daß sie recht hatte. Die Bäume machen wirklich den Wind.
 
 
 

Drachengeschichte

Es war einmal ein fürchterlicher Drache, der lebte, wie es sich für altmodische Drachen gehörte, in einer verwinkelten Höhle tief unter der Erde. Dort lag er auf einem prächtigen Schatz und langweilte sich fürchterlich.
Wie er zu diesem dummen Job gekommen war, wußte er nicht mehr so genau, denn das war schon hunderte von Jahren her. Auf jeden Fall hing er nun schon wahnsinnig lange in dem Gewölbe herum, ohne das auch nur das Geringste passiert war. Er schob seinen massigen Körper auf die andere Seite, stützte seinen Kopf auf einen seiner Stummelflügel und trommelte mit dem verbleibenden einen langweiligen Takt.
Er hielt inne. Es hatte geklopft. Wer sollte sich die Mühe machen, ihn zu besuchen. Er war nun mal ein fürchterlicher Drache, den niemand sehen wollte.
Da, er hörte das Klopfen wieder.
Der Drache sprang auf und machte sich auf den langen Weg zum Tor, denn er war sehr neugierig.
Er zog den langen schweren Riegel zur Seite und öffnete die riesige Türe.
Vor ihm stand ein kleiner Ritter.
"Wohlan", sprach dieser und blies sich dabei mächtig auf, was ihm aber nicht sonderlich gelang.
"Gib mir heraus deiner Perlen Pracht, aber dalli!"
Dann entstand eine gefährliche Pause, während der der Drache bedrohlich mit den Augen funkelte und Qualm aus seinen Nüstern bließ, was kein gutes Zeichen bei Drachen ist.
Ohne zu zögern warf ihm der Drache eine handvoll Perlen vor die Füße, denn er hatte keine Lust zu zanken.
Lustig kullerten sie davon.
Der Ritter, der einen langen, tapferen Kampf erwartet hatte, war nun wiederum sehr verblüfft, denn er wollte Ruhm und Ehre und nicht nur die Perlen.
Also rief er: "Auch des Goldes Schein, ich will zu eigen machen mir, also zögere nicht, sonst ist es aus mit dir!" Dabei wackelte er mit seinem winzigen Schwert in der Luft. Die Rüstung, hatte er sich von seinem Vetter mütterlicherseits geliehen. Eine entfernte Linie, im vierten Enkel bebrüdert, oder so, weshalb ihm das Visier bei jedem zweiten Wort abrupt zufiel und den Satz unterbrach.
"Schwinge er sich auf seinen Haufen und bringe er Gold und Edelstein. Beeile er sich", krähte er durch das zufallende Visier.
"Ja doch", murrte der riesige Drache, der keine Lust zu Zanken hatte. Damit trottete er in die Höhle zurück, wo man ihn einige Zeit rumoren hörte. Nach einiger Zeit erschien er wieder mir einem Arm voll schönster Steine, die wie wild in der Sonne blitzten und warf sie dem Ritter hin.
Also, das ging dem Ritter irgendwie alles zu einfach. So einfach war er nicht zu kaufen. Darum rief er wiederum:
"Nun bringe er mir Taler, und davon rauhe Mengen, soviel er tragen kann, mache er sich auf den Acker, geschwind sozusagen. Damit ich will mich fürs erste zufrieden geben."
Langsam beugte der Drache seinen großen Kopf herunter, bis er Auge in Auge mit dem Ritter war und blies einen Rauchkringel in seine Richtung.
"Dann ist aber Schluß!", sagte er bestimmt.
"Dann ist Schluß", hustet der Ritter hinter seiner Klappe.
Das gefiel dem Drachen, denn er wollte wieder seine Ruhe haben und trottete davon.
Rauhe Mengen, was für so einen Knirps rauhe Mengen sein sollten, fragte er sich. Er griff sich zwei Amphoren und eine große Truhe, die mit Talern randvoll gefüllt war, und schliff sie hinter sich her zum großen Tor. Dann goß er den Inhalt, ohne ein Wort zu verlieren, über den kleinen Ritter, bis dieser unter einem Berg von Münzen verschwunden war.

"Helfe er mir heraus, ich kann nicht mehr bewegen mich", krähte es aus dem Geld. Er strampelte nach Kräften, jedoch ohne Erfolg.
"Tut mir leid", sagte der Drache, "dafür bin ich nicht zuständig".
Damit schlug er die riesige Pforte seiner Höhle krachend zu und verschwand für 300 Jahre.

 
 
 

Spontane Abfuhr

Kartoffelsalat, Würstchen, ein Brötchen mit Zwiebeln. Mehr ist nicht da. Ich harke mir die traurigen Reste auf einen zerbrechlichen Pappteller. Die Wurst rollt erregt im Hipp-Hopp Rhythmus hin und her. Sie weiß, was ihr blüht. Ich beruhige sie mit einem Kleks Senf, der sich an sie schmiegt. Nachdem ich die Gruppe der sich wild zur Musik bewegenden Legasteniker überwunden habe, fehlt meine Wurst. Die mit dem Senf. Dann suche ich wieder mein Bier. Ach, da steht es ja! Bier betäubt die Sinne weitaus besser als Wurst, denke ich und steuere einen Sitzplatz an.
Ich pflanze mich neben eine Frau auf die Bank, schraube mir den Teller auf die züchtig verschränkten Beine und esse meine imaginäre Wurst.
Italienerin ist sie, sagt sie. Abitur hier und Urlaub zuhause. Weihnachten und so. Ich nicke. Schöne Sprache schmatze ich, lege dabei mein -was machst du nachher- Lächeln auf so gut es geht. Es geht. Ihre dunklen italienischen Augen funkeln mich an.
Du hast da Kartoffelsalat am Kinn, sagt sie mütterlich. Ich schmiere ihn ans Tischtuch. Danke! Wer macht sich schon gerne lächerlich? Plötzlich steht aus heiterem, verqualmtem Himmel ein neuer Freier vor uns und glotzt uns ins Bier. Seine bejeansten Genitalien schaukeln in Augenhöhe. Glotzt immer weiter, stiert richtig. Er weiß aber nicht so recht, was er sagen soll, deshalb bleibt es erst einmal dabei. Wahrscheinlich will er sich zwischen uns drängen und mir die kleine Italienerin abspenstig machen. So wird es sein.
Das Mädel schaut mich an und ich sie. Dann nimmt sie meine Hand, streichelt sie und sagt zu ihm:
"Du störst!"
Ganz einfach so.
"Genau", antworte ich spontan, "Sie unterbrechen gerade eine Liebeserklärung, junger Mann!"
Damit greife ich ihren Arm und streichel ihn ebenfalls. Die zarten, fremden Haare darauf erregen mich. Dann quaakt sie:
"Wir wollen nämlich heiraten!"
"Nächste Woche Samstag!", belle ich.
Zu diesem Zeitpunkt hielten wir uns schon fest umschlungen und gaben ein gar herziges Bild ab. Dabei kannten wir uns erst seit zwei Minuten. Der Freier, dessen Genitalien mir mittlerweile schon etwas vertrauter waren, schien zu überlegen. Davon zeugte sein offener Mund. Hin und Her überlegte er, von wegen Heirat und so, während wir ihm Wange an Wange ein Lächeln schenkten und ein -Ja, ich will- hauchten.
Er zog wortlos ab, verschwand im Bier und ward nimmer gesehen.

Bleibt nur noch zu sagen, daß wir viel zu schnell die Finger voneinander gelassen haben. Eigentlich direkt danach. Eine Verabredung ist daraus geworden, ein flüchtiger Kuß, nicht mehr.

 
 
 
Am Ende der Welt

In einem kleinen Städtchen wird unsere Geschichte spielen. Eine kleine Stadt überschaubare Größe, in der ein Gasthof in unmittelbarer Nähe zu einer Kirche liegt, eingebettet in große Kastanien, die ihre stacheligen Früchte auf polierte Autos werfen. Alles wird eingeschnürt sein, durch eine Straße. Zur Inszenierung lasse noch eine zweite Wirtschaft dazukommen, deren Tür und Tor weit geöffnet ist und ihre Lebensfreude weit ins Land schreit. Fröhlich kreischende Menschen werden zu hören sein. Ab und zu wird ein Glas herunterfallen, begleitet von dem Ruf nach einem neu gefüllten. Um die Komponenten nicht unnötig erscheinen zu lassen, staffiere das Ganze mit einem gleichmäßigen Musikteppich aus, durch den sich die Stimmen quälen müssen. Bunte Lichter werden Schatten auf die Straße werfen. Wenn es nötig erscheint, könnten auch besonders breite Reifen versuchen, Asphalt in eine Umlaufbahn zu bringen.
Auf der einen Seite also diese Wirtschaft, die ihre Besatzung nährt und ertränkt, während auf der anderen Seite wie in eine gelangweilte Insel der Gasthof unter den wunderschönen alten Kastanien sein beschauliches Dasein führt. Lichterketten werfen mit schmeichelndem Licht um sich, ein Kellner in Livree stolziert über den Kies und übersieht meine Bestellung schon zum zweiten Mal. Um mich herum hält man altmodisch Händchen, schaut sich tief in die Augen, küßt verhalten. Ich schaue zärtlich in mein Glas. Mist, schon wieder ein Steinchen im Schuh.
" Give me hope Jo´hanna, hope Jo´hanna !", singt es aus der Kneipe gegenüber, jemand lacht.
" Vier Bier !".
" Sofort !".
Ein paar Grillwürste braten sich im Hintergrund und beleidigen meine Nase. Ein Kellner leckt sich die Finger ab und greift in die Kasse.
"Give me hope Jo´hanna, hope Jo´hanna, until the mornin´ comes!", singt es aus der Kneipe gegenüber und jemand lacht.
"Apartheid", sagt mein Gegenüber, "das Lied handelt von Apartheid".
"Wie weit ist es wohl von hier nach Pretoria ?", frage ich.
"Keine Ahnung ".
Ein dicker Bauch schiebt eine zierliche Frau vor sich her zum Ausgang und grinst süffisant wie ein Metzger, der ein Schwein schlachten will. Die Würste sammeln weiter meinen Speichel.
"Give me hope Jo´hanna, hope Jo´hanna", singt die Stimme vom anderen Ende der Welt.
"Ich glaube, Pretoria ist verdammt weit weg !", sagt mein Gegenüber.

(für Uli)
 
 
 
Am Himmel atmet ein Zeppelin ein und aus
ein Autobahnschild winkt mich freundlich heran
Straßenmarkierungen verstreichen sich
Lichter sausen umher
ein Verkehrzählungsbeamter zählt sich am Straßenrand dumm und dusselig
eine Brücke schägt lustig Brücken
ich kurbel das Seitenfenster herunter
der Wind rauft mit meinen Haaren
und andauernd frage ich mich:
wo zum Teufel warst du die ganze Zeit?